Byzanz und die euromediterranen Kriegskulturen. Austausch, Abgrenzung und Rezeption
Kriege, innere und äußere, prägen die Entwicklung von Gesellschaften in entscheidender Weise. Das Byzantinische Reich stand schon auf Grund seiner geographischen Lage im ständigen Austausch und Konflikt mit Nachbarn und Konkurrenten. Daraus ergaben sich ein breites Spektrum an kriegerischen Auseinandersetzungen mit der lateinischen, slavischen und islamischen Welt und als Konsequenz vielfältige Wechselbeziehungen zwischen den jeweiligen Kriegskulturen, worunter wir die sich auf den Krieg beziehenden Normen, Deutungen, Sinnzuschreibungen und Reflexionen ebenso wie die Formen und Praktiken des Krieges verstehen. Ziel dieses Graduiertenkollegs ist es, die euromediterranen Kriegskulturen und die Bedeutung von Byzanz für diese erstmals in transkultureller Perspektive zu untersuchen. Finanziell gefördert wird das GRK durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Die erste Förderperiode lief vom 01.10.2018 – 31.03.2023. Die im November 2022 bewilligte zweite Förderperiode begann am 01.04.2023 und umfasst erneut 4,5 Jahre.
Die Partner des GRK stehen den Kollegiatinnen und Kollegiaten als Ansprechpartner, Mentoren und Forschungsbegleiter zur Verfügung.
- Prof. Dr. Alexandra Busch (Mainz/RGZM, Archäologie der römischen Provinzen)
- Prof. Dr. Stephan Conermann (Bonn, Islamwissenschaften)
- Prof. Dr. Thomas Dittelbach (Bern, mittelalterliche Kunstgeschichte)
- Prof. Dr. Albrecht Fuess (Marburg, Islamwissenschaften)
- PD Dr. Mihai-D. Grigore (Mainz/Erfurt, südosteuropäische Kirchengeschichte)
- Prof. Dr. John Haldon (Princeton, Byzantinistik)
- Prof. Dr. Taxiarchis Kolias (Athen, Byzantinistik)
- Prof. Dr. Panagiotis Agapitos, (University of Cyprus, Byzantinische Philologie und Literaturwissenschaft)
Das Koordinationsbüro ist montags bis freitags in der Regel besetzt. Während der Ferienzeiten kann es zu kurzfristigen Abweichungen kommen. Weitere Termine können jederzeit telefonisch oder per E-Mail vereinbart werden.
Das Themenspektrum der Kriegskulturen wird aus heuristischen Gründen in zwei Forschungsfelder unterteilt:
A. Ausdrucksformen
Hier werden die verschiedenen Ausdrucksformen der Kriegskulturen, also das Heerwesen, Kriegspraktiken, mit kriegerischen Handlungen verbundene Rituale sowie religiöse Kulte und Objekte oder die Alltagswelt von Soldaten, untersucht. Dafür können beispielsweise Militärhandbücher, Geschichtsschreibung oder hagiographische Literatur (z.B. im Kontext religiöser Riten) herangezogen werden. Die Militärarchitektur soll archäologisch ausgewertet und religiöse Gegenstände und der kultische Umgang mit ihnen sollen betrachtet werden. Unterschiedliche Texte und Medien (inklusive der Musik) erfordern dabei gattungsimmanent und -übergreifend unter Berücksichtigung von Topik und der Langlebigkeit tradierter Konzepte eine differenzierte Analyse. Dies gilt konkret u.a. bei den Illustrationen byzantinischer Taktika und Belopoiika oder der Darstellung von Gefangenen, Verletzten und Getöteten, wo gerade das Fortleben bzw. die Unterschiedlichkeit zu antiken Bildtypen mit Gewinn zu untersuchen sind, oder etwa bei der Darstellung von Militärheiligen, wo eher Neues entsteht.
B. Deutungskonzepte
Hierunter werden Theorien, Konzepte, Strategien und Vorstellungen von Krieg, Legitimation und normative Grundlagen für das Verhalten im Krieg, aber auch Selbstdarstellungsformen von Herrschern und kriegerischen Eliten oder Konzeptualisierungen der Gegner in ihren unterschiedlichen Ausprägungen und Anpassungen gefasst. Beispielsweise können Typusbildungen des Kriegers und dessen Funktionalisierung als Legitimationsressource für das Herrschertum, Begründungen von Kriegen durch den Rekurs auf biblische Texte oder die Kriegspropaganda und Feindbilder anhand schriftlicher und archäologischer Quellen untersucht werden; zu denken ist dabei an Panegyrici, Ritterspiegel, theologische Abhandlungen, Repräsentationsformen im Bestattungskontext, Festzyklen in der Kirchenmalerei oder Musikpropaganda.
Diese beiden analytischen Forschungsfelder werden auf vier Themenbereiche angewandt, die für alle beteiligten Disziplinen ergiebig erscheinen. Durch diese Fokussierung wird ein fest umrissenes Forschungsprogramm etabliert, das eine interdisziplinäre Behandlung der Generalfrage nach der Stellung der byzantinischen Kultur im euromediterranen Raum sowohl in synchroner als auch in diachroner Perspektive ermöglicht. Es wird dabei eine ausgewogene Zuordnung der Arbeiten zwischen den Forschungsfeldern und den Themenbereichen angestrebt, sodass möglichst viele Aspekte des Forschungsprogramms erfasst und unterschiedliche Fachdisziplinen miteinander verzahnt werden. Einzelne Vorhaben lassen sich auch mehreren Themenbereichen zuordnen bzw. betreffen sowohl Ausdrucks- als auch Deutungsebene. Kollegiaten/innen, die zu einem Themenbereich arbeiten, profitieren daher auch von den Forschungen der Kollegiaten/innen aus anderen Themenbereichen sowohl im informellen Austausch als auch in der Diskussion im Kolloquium, welches sich alternierend auf einen der Themenbereiche fokussiert.
In der zweiten Förderphase treten zu den vier Themenbereichen vier Querschnittsthemen neu hinzu, die wir aufgrund der Arbeit in der ersten Förderperiode als sinnvolle Ergänzungen identifiziert haben. Konkret geht es dabei um Kriegsfolgen, Geschlechterrollen und Genderfragen, Kriegserzählungen sowie kulturelle Praktiken im Kontext von Krieg. Die verstärkte Berücksichtigung der Kriegsfolgen, die umfassend auf Gesellschaften einwirken und sie prägen, verknüpft alle Themenbereiche gleichermaßen. Damit in Zusammenhang steht das Thema der Geschlechterrollen und Genderfragen, indem nun auch solche Akteure in den Blick genommen werden, die weniger an der praktischen Kriegsführung beteiligt waren (Frauen, Kinder). Aber auch Konzepte von Männlichkeit fallen in diesen Bereich. In vielen der Dissertationsvorhaben hat sich weiterhin gezeigt, dass Kriegserzählungen eine wichtige Analysekategorie darstellen. Daher soll in der zweiten Förderperiode ein Fokus darauf liegen, wie Kriege in verschiedenen Kontexten dargestellt werden und welche Erzählmuster dafür genutzt werden. Schließlich sollen praxeologische Fragestellungen stärker in den Vordergrund rücken, durch die Einbeziehung körperlicher Praktiken und der Interaktion sowohl zwischen Menschen als auch zwischen Menschen und Objekten. Diese vier Querschnittsthemen werden die vier Themenbereiche zusätzlich verbinden und verlangen zudem neue methodische Ansätze, die den Doktorand:innen in Workshops vermittelt werden sollen.
What are cultures of war?
War, in the sense of an armed conflict between different groups, represents an underlying anthropological constant. War can therefore be designated as a shared part of the human experience and culture. In order to analyze this experience in a comprehensive and appropriate way, a broad understanding of cultures of war is necessary that encompasses all aspects of human experience with and in war. Accordingly, we have a broad understanding of cultures of war, including on the one hand the norms, interpretations, attributions of meaning, and general reflections on war, and on the other the forms and practices of warfare (material and immaterial). With this term, both the mentality and the materiality that characterize a specific culture of war come into focus.
We include within cultures of war any phenomenon that deals in one way or another with an armed conflict, potential or actual, between different groups of people, or with the representations of such conflicts in all possible media. This definition allows us to connect and compare phenomena that previously might have seemed unrelated, and to analyze war as an integral part of human existence.